
Fußball gilt als Nationalsport in Portugal. In jedem kleinsten Städtchen findest du diesen einen „Portugal-Store“ mit dem offiziellen Merch der Nationalmannschaft. Dazu die „Os Três Grandes“ – Benfica, Sporting und der FC Porto. Manchmal hängt da noch das Trikot des lokalen Clubs, aber ganz sicher ganz viel Ronaldo. In den Supermärkten bestimmen die großen Drei fast alle Marketenderwaren. Man merkt schnell: Beim Geld hört die Rivalität bekanntlich auf.
Ihre Dominanz ist im europäischen Vergleich nahezu einzigartig und für den Rest der Liga fast schon erdrückend. (Noch.) Denn während Benfica mit seinem letzten TV-Vertrag rund 57 Millionen Euro einstreicht und Sporting sowie Porto bei 40 bis 50 Millionen liegen, bekommt ein durchschnittlicher Erstligaclub gerade mal 3 bis 6 Millionen. Das hat schon 2018 die Wettbewerbsbehörde „Autoridade da Concorrência (AdC)“ auf den Plan gerufen. Ihr Urteil: Die individuelle Vermarktung verzerrt den Wettbewerb massiv – die Kluft zwischen dem Ersten und dem Letzten war in Portugal etwa 15-mal so groß wie anderswo.
Auf Empfehlung des Verbandes wurde 2021 ein Dekret erlassen, das die Zentralvermarktung zwingend vorsieht. Jetzt, im Herbst 2026, muss das endgültige Konzept stehen, damit es ab der Saison 2028/29 greifen kann. Die Liga verspricht sich Mehreinnahmen und eine bessere Auslandsvermarktung. Der portugiesische Fan glaubt allerdings erst dran, wenn er es wirklich sieht.
Was die großen Drei zu solchen Kolossen macht, ist auch ein psychologisches Phänomen: Schätzungen gehen davon aus, dass 90 Prozent der Portugiesen Fan eines dieser drei Clubs sind. Eine Quadratur des Kreises. Kaufst du eine der drei täglichen Sportzeitungen, findest du zu 80 bis 90 Prozent wieder nur Inhalte über diese Vereine. Dazu betreiben sie eigene TV-Sender, die dich rund um die Uhr beschallen. Und weil der Wahnsinn Methode hat, findet man die Zweitvertretungen dieser Giganten auch noch in der 2. Liga wieder.
Während in den Souvenirshops an der Algarve die Ronaldo-Trikots und die Logos der großen Drei die Regale dominieren, schlägt das wahre, widerständige Herz des portugiesischen Fußballs oft in den Stadien der Provinz. In Faro, im Schatten der Touristenströme, versucht der SC Farense, sich genau dieser Dominanz zu widersetzen. Doch die Übermacht ist omnipräsent: Sogar auf dem eigenen Rasen trifft man auf den langen Arm der Hauptstadt. Mein Besuch beim Spiel gegen Sporting B war deshalb mehr als nur ein Fußballspiel – es war eine Lektion darüber, wie es sich anfühlt, wenn die „Filiale“ eines Giganten einfach in dein Wohnzimmer spaziert.
Sonnabendnachmittag. Die Sonne knallt auf die Hochhäuser rund um das Estádio de São Luís, dazwischen immer wieder traditionelle Einfamilienhäuser mit diesen wunderschönen Fliesen. Vor einer kleinen Holzbude trifft sich die lokale Ultraszene. Im Hintergrund ragt das Stadion auf.
Ein kurzer Abriss zur Geschichte: Das Stadion wurde 1922 von Manuel Santo in Auftrag gegeben, einem Rückkehrer aus den USA. Entsprechend hieß es zuerst „Santo Stadion“ – eines der ersten in Portugal, das spezifisch für den Fußball errichtet wurde. Die Einweihung fand am 1. Dezember 1923 mit einem Spiel zwischen den wichtigsten Teams der Stadt statt: Sporting Clube Farense und Sport Lisboa e Faro.
Wie so oft brachten Engländer den Fußball nach Faro. 1907 trugen Schüler einer Seemannsschule in der „Ria Formosa“ das erste Spiel aus. Davon inspiriert wurde 1910 der SC Farense gegründet. Die Sache mit den Trikotfarben ist dabei eine kuriose Geschichte: Da der Verein unter dem Einfluss von Sporting Lissabon entstand (man wurde 1922 deren zweite Tochtergesellschaft), wollte man deren Farben übernehmen. Doch da der Kontakt nach Lissabon damals fast nur über Schwarz-Weiß-Fotos bestand, wurden auch die Trikots in Faro kurzerhand schwarz-weiß.
Wobei man klären muss: „Tochtergesellschaft“ meint hier kein Geld, sondern eher ein sportliches Farmteam für Ausbildung und Leihen. In diesem Jahrtausend war Farense schon pleite und musste ganz neu beginnen. Dabei liegen die größten Erfolge gar nicht so weit zurück: Pokalfinale 1990 und Platz 5 in der Saison 94/95, was zur Teilnahme am UEFA-Cup gegen Olympique Lyon berechtigte. 2002 spielte man letztmals erstklassig.
Zurück im Hier und Jetzt. Vor mir am Kartenhäuschen kauft eine englische Familie Tickets. Überhaupt sieht man viele Engländer im Stadion; die Algarve ist komplett auf die Insel eingestellt. In den Hotspots läuft englischer Fußball in den Bars, es gibt englisches Frühstück und alles ist zweisprachig. Obwohl es 2. Liga ist, wird man am Eingang professionell gefilzt, Tickets gescannt, überall Security. Man fragt sich, wie sich das bei einem Schnitt von 1.855 Zuschauern rechnet. Viel mehr dürften es auch an diesem Tag nicht gewesen sein – darunter aber auffallend viele in Trikots von Sporting.
Die Atmosphäre auf dem Rasen wirkt fast schon zu professionell. Kamerateams, Interviews auf dem Feld, Sporting mit einem riesigen Staff. Der Unterschied in der Außenwirkung war deutlich spürbar: Während Farense wie ein Club zum Anfassen wirkte, blieben die Gäste aus Lissabon unnahbar. Nicht mal ein Besuch am Gästesektor schien ihnen nötig.
Sportlich geht es für Farense ums Überleben. Das Abstiegsgespenst spukt durchs São Luís. Doch die Hausherren erwischen einen Traumstart mit einem frühen Tor. Die Gäste zeigen zwar den gepflegteren Ball und das klare Konzept durch die Mitte, tun sich aber schwer. Farense hält körperlich dagegen und kämpft. Mit dem 2:0 geht es in die Kabine. Zwar kann das junge Team aus Lissabon noch zum 2:1 verkürzen, doch Farense verteidigt mit Mann und Maus. Der Stadionsprecher versucht am Ende krampfhaft, das Publikum zu animieren, doch die Leidenschaft auf den Rängen hält sich in Grenzen. Ganz im Gegenteil zu dem kleinen Ultrablock hinterm Tor: 20 bis 30 Leute, die 90 Minuten durchsingen, tanzen und pogen. Sie wirkten, als gehörten sie gar nicht zum restlichen Geschehen – denn nicht nur ich genoss lieber das Sonnenbad auf der hohen, unüberdachten Tribüne.

Farense gewinnt das überlebenswichtige Spiel mit 2:1. Trotzdem bin ich mit gemischten Gefühlen aus dem Stadion gegangen. Irgendwie fühlte es sich nach Sommerkick an, während die Ultras richtig Gas gegeben haben. Ich konnte das alles null einordnen. All die Fragen zur Struktur des Fußballs kamen mir erst nach Spielschluss. Ich bin noch durch das Viertel gestreift, habe einen Absacker in einer Hochhausbar getrunken und festgestellt: Auch Faro verändert sich. Statt Sagres trinkt man lieber Gin. Statt Livefußball, nimmt man eben den der großen Drei. Auch Faro kennt Gentrifizierung.








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