„Jenseits der Hotelbunker: Portimão und das Herzklopfen des alten Portugals“

Die Algarve, der Süden Portugals. Tourismuszentrum mit fast jährlichen Rekordzahlen. Traumhafte Strände mit versteckten Buchten, kleinen Höhlen, verträumte Fischerdörfer. Häuser mit den für Portugal typischen Azulejos (die berühmten portugiesischen Keramikfliesen), enge Gassen, Sonne pur. Doch was sich so romantisch ließt, ist im Sommer gar nicht mehr so schick. Denn fast überall an der Küste wachsen die Hotelbunker. Vom 5 Sterne Hotel mit Golfanlage, bis hin zum Billinganbieter für den Einfach-Tourist. Orte wie Lagos oder Albufeira frönen dem Massentourismus. Einst schöne Fischerdörfer werben sie jetzt zur Nachmittags Happy Hour, zum günstig saufen. Pub an Pub, dazwischen ne Bar oder ein Touriladen mit Nippes zum Andenken.

In den letzten Jahren sind nicht nur die Hotels wie Pilze aus dem Boden gespriesst, sondern auch Tech Firmen haben die Algarve entdeckt. Ein Paradies für digitale Nomaden und Home Office Jobs. Die Immobilienpreise sind für Normalsterbliche unbezahlbar. Die Gentrifizierung an der Küste, im vollen Gange. In den kleinen Dörfern im Hinterland, kann man dann die „Verlierer“ sichten. In kleinen Bars, wo das Bier aus der Flasche kommt. Es gibt noch ein paar Inseln, in denen die lokale Einwohnerschaft sich scheinbar nicht bereit erklärt, englisches Frühstück anzubieten oder das Saufen zum Erlebnis zu erklären. Zum Beispiel in Ferragudo oder in Portimão.

Letzteres ist die zweitgrößte Stadt an der Algarve. Sie ist „echt“ geblieben und bietet den ganz normalen portugiesischen Alltag. Portimão besitzt einen der wichtigsten Handelshäfen der Region. Historisch war Portimão das Zentrum der Fischkonservenindustrie, was wohl auch was mit der Vorliebe der Stadt zu Sardinen zu tun hat. (Was man in den Supermärkten immer noch sieht.) Heute sind die alten Fabriken oft Museen oder Kulturzentren, aber der Fischfang und die Werften spielen wirtschaftlich immer noch eine Rolle.

Portimão ist jetzt nicht unbedingt die Perle der Algarve. Eben eine verblassende Industriestadt, dessen fussballerisches Aushängeschild, eine ganz ähnliche Geschichte erzählen kann. Die Glanzzeit kam, als sich Portugal im Umbruch befand. Die Nelkenrevolution war vorbei. Die Gesellschaft kämpfte einerseits mit hoher Inflation, hoher Einwanderung, Arbeitslosigkeit. Auf der anderen Seite war die Zensur vorbei. Man konnte wieder politische Diskussionen führen. Es gab ausländische Zeitungen. Das Portugal der späten 70er war laut, chaotisch, ein bisschen arm, aber voller Hoffnung und vor allem frei. Es war das Ende der Melancholie der Diktatur und der Beginn der modernen portugiesischen Identität.

1976 stieg Portimonense erstmal in die I. Division auf. Der Verein erlebte Glanzzeiten Ende der 70er Jahre und während des gesamten Jahrzehnts der 80er. Teilnahme am UEFA-Pokal, fünfter Platz in der I. Division. Die Stadt sah große Namen des portugiesischen Fußballs sowie mehrere ausländische Spieler auf gutem Niveau. In diesen etwa fünfzehn Jahren präsentierten sich die Schwarz-Weißen als die wichtigste sportliche Referenz im Süden des Landes.

Portimão war das Sprungbrett für viele Trainer – zum Beispiel Artur Jorge oder Manuel José – und eine noch größere Anzahl von Spielern. Rui Águas zum Beispiel zeigte im Dienste der Schwarz-Weißen Qualitäten, die ihn später zu Ruhm in den Trikots von Benfica und FC Porto führten. Die Kommune und lokale Sponsoren aus dem Tourismus und dem Baugewerbe, konnten den Verein zu dieser Zeit finanzieren.

Heute kämpft der Portimonense SC gegen den Abstieg aus der 2.Liga. Für 11 Uhr war das Spiel gegen Lusitânia de Lourosa FC angesetzt. Das Stadion wurde (1937) im Zentrum errichtet. (Vom Bahnhof in nur wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen). Das Grundstück überließ ein Anhänger dem Verein, um darauf ein Stadion zu bauen. Im Jahr 2006 forderten die Nachfahren des Grundstücksspenders das Bauland zurück. Der Fall ging vor Gericht und der Portimonense SC musste übergangsweise für mehrere Monate in das ca. 70 Kilometer entfernte Estádio Algarve nach Faro ausweichen.

Im Februar 2007 kehrte der Verein in das alte Stadion zurück. Die Stadt kaufte im Juli 2007 das Grundstück und das Stadion wurde in Estádio Municipal de Portimão (Städtisches Stadion von Portimão) umbenannt. Mit dem erneuten Aufstieg in die erste Liga, wurde das Stadion 2010 komplett renoviert. Wieder einmal musste der Club nach Faro umziehen. Heute bietet das Stadion 4.961 Plätze. Eng gebaut, als reines Fußballstadion mit drei Tribünen.

911 Zuschauer wollten das Match gegen Lusitânia de Lourosa sehen. Die Gäste reisten aus dem hohen Norden an, begleitet von ca. 50 Fans. Im Heimbereich wie schon in Faro wieder zahlreiche Trikots von den britischen Inseln. Die Toilettenanlage hingegen bot zahlreiche Sticker aus Deutschland. (Eine nervige Entwicklung). Auf der Hintertortribüne standen handgezählte 11 noch sehr junge Fans, die es mit Portimão hielten. Ansonsten war das Publikum schon durchschnittlich etwas älter. Musikalisch gab es AC/DC nach den Toren und auch sonst, war der Stadion DJ, durchaus mit einem angenehmeren Musikgeschmack ausgestattet.

Das Spiel konnte nicht spannender verlaufen. Vom Niveau her, würde ich es mit Regionalliga vergleichen. Portimonense mit dem 1:0 in der ersten Halbzeit, aber der VAR schaltet sich ein. Dann nach dem Wiederanpfiff Foulelfmeter für Portimonense. Der Gefoulte schießt selbst und es kam wie es kommen musste, er verschoß. Der Nachschuss des Mitspielers saß dann, aber wieder wurde das Tor zurück gepfiffen. Dafür sorgten die Gäste mit 2 Treffern in 3 Minuten gefühlt für den K.O. Schlag. Portimonense konnte zwar schnell mit dem Anschlusstreffer antworten, aber danach gelang erstmal nicht mehr viel. Im Gegenteil, die Gäste schossen das 3:1, aber wieder war der VAR aktiv. (Ich weiß nicht wie ihr das aushaltet). Zu diesem Zeitpunkt, habe ich keine Hoffnung mehr ins Heimteam gesetzt. Die Minuten verliefen und irgendwie wirkte alles nach Abstiegsangst. Und dann drehen die Hausherren in diesen berühmten Nachspielminuten das Spiel. Portimonense, vor wenigen Wochen nahezu abgestiegen, kann weiter hoffen.

Wohin die Reise des Clubs allerdings geht, bleibt unklar. Im vergangenen Sommer wechselte fast der komplette Kader. Was Geld brachte, wurde verkauft, dazu erfreut sich das Leihspieler Modell, allergrößter Freude. Der bisherige Eigentümer Theodoro Fonseca, ein brasilianischer Geschäftsmann, hat den Club an die chinesische Suning Holdings Group verkauft. Das ganze läuft allerdings über eine Übergangsphase, die im Moment noch andauert.


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