Hörfehler Dossier HRF 245

Als der Staat verschwand, blieb der Verein

Andreas Gläser über BFC Dynamo, DDR, Ausreise und die Rückkehr zu seinem Verein

21.10.2026 Fußball in Politik | Kultur | Gesellschaft
Akte 245
Gespräch / Recherche
Hörfehler Archiv

Zu Gast

Stimmen / Gespräch / HRF 245
avatar
Andreas Gläser Gespräch

Andreas Gläser wächst in Ost-Berlin auf, wenige Meter von der Mauer entfernt. Sein Verein ist der BFC Dynamo.

In den achtziger Jahren verändert sich dieses Verhältnis. Je weiter sich Andreas von der DDR entfernt, desto größer wird auch die Distanz zum BFC. Er stellt einen Ausreiseantrag und geht 1989 nach West-Berlin.

Mit seinem Verein hat er zu diesem Zeitpunkt eigentlich abgeschlossen.

Dann verschwindet die DDR. Der BFC verliert Spieler, Erfolg, Einfluss und zunächst sogar seinen Namen – und ausgerechnet jetzt beginnt Andreas wieder hinzuschauen.

Im 1:1-Gespräch geht es um Kindheit an der Mauer, Fußball in Hohenschönhausen, begehrte Europapokal-Karten, den Fanclub „The Bobbies“, Arbeit auf dem Bau, Ausreiseanträge und West-Berlin. Und um die Frage, was von einem Fußballverein bleibt, wenn die Welt verschwindet, in der die Verbindung zu ihm entstanden ist.

Warum diese Geschichte?

Der BFC Dynamo wird bis heute häufig über Meisterschaften, Staatssicherheit, Erich Mielke und Privilegien erzählt.

Andreas Gläsers Geschichte eröffnet einen anderen Zugang.

Für den Jungen aus Ost-Berlin ist der BFC zunächst kein politisches Symbol. Es ist einfach sein Fußballverein.

Interessant wird der Moment, an dem beides nicht mehr zusammenpasst: Andreas entfernt sich von der DDR – und gleichzeitig vom BFC.

Und noch interessanter ist, was danach passiert.

Warum kehrt jemand ausgerechnet dann zu einem Verein zurück, als dieser fast alles verliert, wofür er vorher stand?

Im Gespräch mit Andreas Gläser

Andreas erzählt von seiner Kindheit im geteilten Berlin und davon, wie selbstverständlich die Mauer für ein Kind zunächst zum Alltag gehören konnte.

Es geht um den Umzug nach Hohenschönhausen, das Sportforum und die Frage, wie der BFC überhaupt zu seinem Verein wurde.

Wir sprechen über die erfolgreichen achtziger Jahre, Europapokalspiele und eine Zeit, in der der BFC für Andreas immer stärker mit jenem Staat verbunden erscheint, den er selbst verlassen möchte.

Ein weiterer Teil des Gesprächs führt in den DDR-Arbeitsalltag. Andreas arbeitet als Tiefbaufacharbeiter, stellt einen Ausreiseantrag und muss über Jahre mit Behörden und Staatssicherheit umgehen.

1989 kommt er schließlich nach West-Berlin.

Und erst danach beginnt der zweite Teil seiner BFC-Geschichte.

Kapitel

  • 0:03 West-Berlin zieht ihn an
  •  0:58 Kindheit an der Mauer
  •  1:55 Zu Gast beim Autor
  • 3:37 Erinnerungen an den Falkplatz
  • 6:32 Prenzlauer Berg und Familie
  • 10:33 Hohenschönhausen und Fußball
  • 12:30 Erste Fragen nach dem Klub
  • 14:32 Der Weg ins Stadion
  • 17:40 BFC, Erfolg und Misstrauen
  • 19:54 Das HSV-Spiel als Bruch
  • 26:49 Der Fanblock von innen
  • 32:39 Vom Fan zum Abstand
  • 36:28 Die Bobbies entstehen
  • 40:17 Lehre statt Freiheit
  • 42:49 Wehrdienst und Antrag
  • 45:38 Warum er raus wollte
  • 48:08 Familie und Behördenweg
  • 52:55 Konzert und Risiko
  • 57:10 Die Kerkermeisterin
  • 1:01:35 Westberlin und Wende
  • 1:11:40 Goekel Schmidt
  • 1:15:23 Lesebühnen und Texte
  • 1:22:40 Titel und Verlag
  • 1:34:05 Meisterschaft und Abnutzung
  • 1:45:54 Fahrt nach Oldenburg

Über Andreas Gläser

Andreas Gläser wurde 1965 in Berlin geboren. Er arbeitete zunächst als Tiefbauer und begann später, für Fußball-Fanzines zu schreiben.

Ende der neunziger Jahre kam er zur Berliner Lesebühnenszene und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Chaussee der Enthusiasten.

In einem Interview anlässlich seines ersten Buches erzählte er ausführlich von seinem Weg vom Bauarbeiter über Fanzines zur Literatur.

Weiterlesen

Andreas Gläsers Seite „Baufresse“

„Man muss dem Volk aufs Maul schauen“ – Interview mit Andreas Gläser im Freitag

Hintergrund zu den Berliner Lesebühnen und der Chaussee der Enthusiasten

Der BFC war schuld am Mauerbau

Gläsers gleichnamiges Debüt erschien ursprünglich 2002.

2026 wurde „Der BFC war schuld am Mauerbau“ in einer überarbeiteten und erweiterten Ausgabe neu veröffentlicht. Andreas hat dafür Texte gekürzt, erweitert und ergänzt.

Das Buch ist der Anlass für dieses Gespräch. Die Geschichte der Folge geht aber weit über eine klassische Buchvorstellung hinaus.

Zum Buch

Der BFC war schuld am Mauerbau – Arete Verlag

Andreas Gläser über „Der BFC war schuld am Mauerbau 2.0“

Buchvorstellung bei Banda Invicta

Buchdetails und Stimmen bei LovelyBooks

Auch wissenschaftlich wurde Gläsers Buch aufgegriffen. Ein englischsprachiger Sammelband über Fußball und deutsche Gesellschaft beschäftigt sich mit ostdeutschen Identitäten in seinen Texten.

„From GDR-Emigrant to Third-Class Citizen“ – JSTOR

BFC Dynamo zwischen Fußball und Staat

Der BFC Dynamo wurde 1966 gegründet und entwickelte sich in den achtziger Jahren zum dominierenden Verein der DDR-Oberliga. Zwischen 1979 und 1988 gewann der Klub zehn Meisterschaften in Folge.

Für Andreas’ Geschichte ist vor allem interessant, wie sich die Wahrnehmung des Vereins verändert.

Aus dem Verein aus dem eigenen Umfeld wird zunehmend ein Klub, der öffentlich mit Staatssicherheit, Macht und Privilegien verbunden wird.

Vertiefung

BFC Dynamo – Vereinsgeschichte

Bundesarchiv: „Botschafter im Trainingsanzug“ – Fußball und Staatssicherheit

Bundesarchiv: Das „Wunder von der Weser“ aus Sicht der Stasi

Bundeszentrale für politische Bildung: Der Fußballfan in der DDR

Gerade der Beitrag der Bundeszentrale passt zu einer Geschichte aus unserem Gespräch: Beim Europapokalspiel zwischen BFC Dynamo und Hamburger SV 1982 waren Eintrittskarten keineswegs einfach frei verfügbar. Auch darüber erzählt Andreas in der Folge.

Staatssicherheit und Kontrolle

Wer tiefer in die Verbindung zwischen DDR-Fußball und Staatssicherheit einsteigen möchte, findet im Bundesarchiv umfangreiche Originalquellen und Hintergrundmaterial.

Dabei lohnt sich auch der Blick über die vereinfachte Erzählung vom „Stasi-Club“ hinaus: Das MfS wollte nicht nur Einfluss nehmen, sondern überwachte zugleich Spieler, Funktionäre und Fans.

Quellen und Dokumente

Bundesarchiv: Stasi-Unterlagen zum BFC Dynamo

Bundesarchiv: Stasi-Unterlagen recherchieren

Bundesarchiv: Bildungsmaterial „Höher, schneller, weiter?“ zum DDR-Sport

Ausreise aus der DDR

Ein zentraler Teil des Gesprächs ist Andreas’ Entscheidung, die DDR verlassen zu wollen.

Ein Ausreiseantrag war dabei keine gewöhnliche Verwaltungsangelegenheit. Antragsteller konnten überwacht, unter Druck gesetzt oder kriminalisiert werden.

Andreas erzählt sehr persönlich davon, wie sich diese Jahre angefühlt haben und wie sich der Umgang der Behörden mit ihm veränderte.

Weiterlesen

Bundesarchiv: Die Ausreisebewegung und ihre Bekämpfung durch das MfS

Bundesarchiv: Republikflucht und ihre Bekämpfung

1987 lagen bereits mehr als 105.000 Ausreiseanträge vor. Bis zum Sommer 1989 stieg die Zahl auf rund 160.000.

Aufwachsen mit der Berliner Mauer

Eine der stärksten Erinnerungen des Gesprächs ist gleichzeitig eine sehr unspektakuläre:

Für Andreas war die Mauer als Kind zunächst einfach da.

Das historische Ausnahmebauwerk war Teil seiner normalen Umgebung.

Gerade diese Perspektive macht verständlich, wie unterschiedlich historische Ereignisse im Alltag der Menschen erlebt werden können.

Weiterlesen und ansehen

Stiftung Berliner Mauer – Geschichte der Berliner Mauer

Stiftung Berliner Mauer – Teilung, Flucht und Ausreise

Historisches Video: Alltag mit der Berliner Mauer

West-Berlin – und der BFC bleibt

Andreas’ Geschichte endet nicht mit der Ausreise.

1989 kommt er nach West-Berlin. Der BFC spielt zunächst kaum noch eine Rolle in seinem Leben.

Dann fällt die Mauer.

Der Staat verschwindet, der Verein verliert seine Vormachtstellung und tritt zeitweise als FC Berlin an.

Und genau jetzt kommt Andreas wieder näher.

Als der Staat verschwand, blieb für Andreas am Ende doch der Verein.

Weiterhören: BFC Dynamo

HRF 108 | 66 Jahre BFC Dynamo

Im 1:1-Gespräch mit Steffen Karas geht es tief in die Geschichte des BFC Dynamo: von der Gründung über die erfolgreichen DDR-Jahre bis zu Privilegien, Staatssicherheit und dem bis heute wirksamen Bild des „Schiebemeisters“.

Die Folge ergänzt Andreas Gläsers persönliche Erinnerungen um den Blick auf den Verein selbst – seine Geschichte, seine Strukturen und die Frage, warum der BFC bis heute so unterschiedlich wahrgenommen wird.

→ HRF 108 | 66 Jahre BFC Dynamo

HRF 242 | Staatsfeinde – Im Schatten des BFC

Diese Folge führt stärker in die Welt rund um den Verein: Fanszene, politische Milieus, staatliche Kontrolle und die Bilder, die den BFC bis heute begleiten.

Wenn dich nach Andreas’ Geschichte besonders interessiert, was aus dem Umfeld dieses Vereins geworden ist, geht es hier weiter.

→ HRF 242 | Staatsfeinde – Im Schatten des BFC

Weiterhören: Das Ende des DDR-Fußballs

HRF 232 | Abpfiff DDR – Der Fußball im Umbruch

Im Gespräch mit Jan Mohnhaupt geht es um die größere historische Ebene: Was geschieht mit Spielern, Vereinen und Strukturen, als die DDR verschwindet?

Damit ergänzt die Folge Andreas’ persönliche Geschichte um den Umbruch des gesamten ostdeutschen Fußballs.

→ HRF 232 | Abpfiff DDR – Der Fußball im Umbruch

HRF 214 | „Der ostdeutsche Fußball hat die besseren Geschichten“

Ein breiterer Blick auf die Geschichten, Brüche und Erinnerungen des ostdeutschen Fußballs.

Wer nach BFC und Wende noch weiter ins Thema eintauchen möchte, findet hier den nächsten Einstieg.

→ HRF 214 | Der ostdeutsche Fußball hat die besseren Geschichten

Noch tiefer: Die Geschichte der DDR-Oberliga

Wer noch tiefer in die Fußballwelt einsteigen möchte, in der Andreas mit dem BFC aufgewachsen ist, findet im Hörfehler-Archiv außerdem unsere mehrteilige Geschichte der DDR-Oberliga.

Die Geschichte der DDR-Oberliga – Teil 1

Die Geschichte der DDR-Oberliga – Teil 2

Die Geschichte der DDR-Oberliga – Teil 3

Literatur zum Weiterforschen

Andreas Gläser
Der BFC war schuld am Mauerbau
Arete Verlag, 2026 · ISBN 978-3-96423-151-2
Zum Buch beim Arete Verlag

Andreas Baingo / Michael Horn
Die Geschichte der DDR-Oberliga
Verlag Die Werkstatt, 2003 · ISBN 3-89533-428-6
Buchvorstellung und bibliografische Angaben

Uwe Karte / Frank Röhrig
Kabinengeflüster – Geschichten aus 40 Jahren DDR-Elf
AGON Sportverlag, Neuauflage 2010. Die Ausgabe ist aktuell auch über das AGON-Antiquariat gelistet. AGON SportsWorld
Kabinengeflüster bei AGON SportsWorld

Frank Müller / Winfried Wächter
Die im Osten spielten – Eine Zeitreise durch den DDR-Fußball
Leipzig, 2018 · ISBN 978-3-942360-16-6. Der Titel ist regulär vergriffen, gebraucht aber noch erhältlich. ZVAB (DE)
Die im Osten spielten bei ZVAB

Maik Großhäuser
Zeitreisen – Spieler und Trainer erinnern sich an die DDR-Oberliga
SUMA-Eigenverlag, 2022 · ISBN 978-3-9816680-3-2. Das Buch wurde direkt über den Autor vertrieben. turus.net Magazin
Buchvorstellung und Bestellhinweis zu Zeitreisen

Quellen und Archive

Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv

Stiftung Berliner Mauer

Bundeszentrale für politische Bildung – Fußballfans in der DDR

DFB Datencenter – historische Spiele und Wettbewerbe

Hörfehler unterstützen

Hörfehler erzählt ausführliche Fußballgeschichten über Menschen, Orte, Geschichte, Politik und Kultur.

Wenn du diese unabhängige Arbeit, die Recherche und ausführliche Episodenseiten wie diese unterstützen möchtest:

→ Hörfehler über Steady unterstützen


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert