HRF 045 | über den FC St.Gallen 1879

…im Gespräch mit Tomi Wunder


Es geht mal wieder in die Schweiz. Herzlichen Willkommen zur 45. Folge des Hörfehler Podcasts. Dieses mal geht es in den Südosten, dort wartet mit dem FC St.Gallen ein sehr besonderer Club auf euch. Denn die grün-weißen sind der älteste Klub des europäischen Festlands. Außerdem kann sich der Verein über einen große, treue Anhängerschaft erfreuen. In der Nationalliga B hält der Verein mit Abstand den Zuschauerrekord und auch in Liga A gehören die Fans zu den reisefreudigsten, selbst in europa ist der FC St.Gallen teils vierstellig unterwegs. Dazu und zu vielem mehr erzählt der Allesfahrer Tomi Wunder. Er erzählt von der Geschichte des Vereins, der besonderen Meisterschaft, dem legendären Stadion Espenmoos und wie die Situation des Schweizer Fußballs aussieht.

Shownotes
St.Gallen, FC St.Gallen, Ivan Zamorano, SC Brühl, Blue Stars, Espenmoos, Winterthur, Club of Pioneers, Brügglifeld Aarau, Wankdorf, Servette Genf

6 Gedanken zu „HRF 045 | über den FC St.Gallen 1879

  1. Super-Nacherzählung der Meistersaison 99/00! Sensationell! Vielleicht könntest du dies auch bei anderen Podcasts noch vermehrt die Gäste fragen: sie sollen die erinnerungswürdigste Saison nacherzählen, die sie persönlich erlebt haben…

    Noch ein paar Ergänzungen zu den Informationen von Tomi Wunder:

    Tribünenabbruch Espenmoos: dies schuf auf der Gegentribünenseite Platz für ein zweites Fussballfeld (Kunstrasen). In der gebirgigen und hügeligen Schweiz gibt es nur wenig freie Flächen und da muss man jede Gelegenheit beim Schopf packen, ein weiteres Fussballfeld erstellen zu können. Darum wird auch stark auf Kunstrasen gesetzt. Dieser kann viel häufiger benutzt werden, als Naturrasen. Fussball wird gerade auch bei Frauen und Mädchen immer populärer. Es gibt einen stetig wachsenden Bedarf an Platzbelegung bei kaum mehr ausbaubarer Fläche. Da ist Kunstrasen die einzig zumindest mir bekannte und auch soziale Lösung. Vor diesem Hintergrund auf Naturrasen zu bestehen, würde dann fast schon einem elitären Dünkel derjenigen gleichkommen, die schon im Klub sind, und ihre Trainings- und Spielzeiten haben, gegenüber potentiellen neuen Mitgliedern – wie im Tennis oder Golf. Ausserdem ist der Unterhalt und Betrieb von Infrastrukturen wie alles in der Schweiz teuer (unter anderem wegen hoher Löhne, Sicherheits- und Umweltstandards). Man lässt daher nur diejenigen Infrastrukturen (zum Beispiel im Espenmoos nur die Haupttribüne) stehen, die auch in Zukunft regelmässig benutzt werden. Italien hat da ein anderes Konzept: sie lassen alte Strukturen mindestens 1’000 Jahre stehen und profitieren dann von den Touristenströmen. 😉 Der wichtigste Grund, warum übrigens der Schweizer Meister Young Boys auf Kunstrasen spielt, ist, so unwahrscheinlich es klingt, ebenfalls das Platzproblem für die Trainings! In Bern gibt es ebenfalls zu wenig Raum für Fussballplätze und da mussten selbst die Profis jahrelang jeden Tag in einer anderen Ecke der Stadt irgendwo zu irgendwelchen Zeiten trainieren, wo es gerade kurzfristig möglich war. Dank Kunstrasen können sie nun jeden Tag auf dem gleichen Platz (im Stadion) trainieren. Zudem finden daselbst nun auch Spiele von Jugendteams statt.

    Finanzen der Klubs: Tomi Wunder hat schön beschrieben, dass der FC St. Gallen zu Beginn des letzten Jahrhunderts von der starken Textilwirtschaft der Region profitierte. In den 50-er Jahren waren dann dank dem Boom der Uhrenindustrie die Teams aus den Uhrmacherzentren im und am Juragebirge wie beispielsweise La Chaux-de-Fonds stark. In den 80er- und 90er-Jahren waren dann praktisch alle Präsidenten / Mäzene von Nationalliga A-Klubs im Immobiliengeschäft tätig. Ein Relikt aus jener Zeit, das bis heute überlebt hat, ist Christian Constantin vom FC Sion. 😉 Die finanziellen Unterschiede zwischen den Klubs waren damals nicht sehr gross. Aber Grasshoppers und Servette aus den beiden grössten und internationalsten Wirtschaftszentren Zürich und Genf konnten zeitweise ihre leichten Vorteile nutzen. Seit der Jahrtausendwende gibt es zwar immer noch in der Mehrheit der Super League-Klubs Mäzene im Hintergrund, aber die Gelder, welche diese Geldgeber einschiessen, sind im Verhältnis zum Vereinsbudget nicht hoch. Der Vorteil ist vor allem, dass diese Leute in schlechten Jahren als Sicherheit da sind und aushelfen können. In guten Jahren zahlen sie nichts. Finanziell am meisten Auswirkungen hat eine Champions League-Teilnahme. Die Auswirkungen der Europacupgelder auf die finanzielle Ungleichheit der Klubs sind in der Schweiz noch viel höher, als in Deutschland. Dazu sind auch Transfereinnahmen wichtig. Dies dank der guten Talentausbildung speziell bei Servette, Basel, FC Zürich und Grasshoppers, aber vermehrt auch bei Klubs wie Young Boys, Luzern, Lausanne oder St. Gallen. Was die Unterstützung von Unternehmen aus der Region und Sponsoren betrifft, steht St. Gallen im Schweizer Vergleich gut da! Sie haben mit die höchsten Sponsoreneinnahmen, deutlich mehr als beispielsweise die beiden Zürcher Klubs. Der FC St. Gallen macht auch insgesamt mehr Umsatz als Grasshoppers oder der FCZ. In der Region St. Gallen hat es zwar weniger Unternehmen, aber die Unterstützungsbereitschaft der Wirtschaft ist in St. Gallen viel höher als in Zürich, unter anderem weil die lokale Verwurzelung der Firmen viel grösser ist. Die vorwiegend internationalen Unternehmen in Zürich oder Genf könnten gegenüber ihren aus der ganzen Welt stammenden Mitarbeitern die finanzielle Unterstützung eines lokalen Fussballklubs in der Schweiz nicht rechtfertigen. Die würden rebellieren. Dass der FC St. Gallen mitgliedergeführt ist, stimmt nicht. Das ist bei keinem Profiklub in der Schweiz so. Wir haben kein 50+1. Die Fans können im begrenzten Rahmen im einen Klub etwas mehr, im anderen etwas weniger Einfluss nehmen – aber das ist immer abhängig von der Offenheit der Eigentümer gegenüber solchen Themen. Zu Beginn war das neue Stadion schon eine relativ grosse finanzielle Belastung für den FC St. Gallen, durch Gelder der Stadt und auch von privaten Geldgebern wurde die Situation dann nach und nach entschärft, ohne dass der Klub Konkurs ging.

    Die Free-TV Spiele sind nicht schlechter besucht, als diejenigen, die nur im Pay-TV kommen. In der Champions League waren die Schweizer Konsumenten im Vergleich mit den Nachbarländern lange verwöhnt, weil fast ein Maximum an Spielen im Free-TV gezeigt wurden. Seit dieser Saison ist «nur» noch an einem der beiden Spieltage (Dienstag, Mittwoch) ein Spiel im Free-TV zu sehen. Der Rest ist im Pay-TV. Die 10er-Liga in den oberen beiden Ligen der Schweiz macht aus verschiedenen Gründen Sinn. Die Schweiz ist klein und hat beispielsweise nur sechs Städte mit mehr als 100’000 Einwohnern – Deutschland beispielsweise hat 80! In einer Liga mit mehr Teams wären die durchschnittliche Qualität und die Zuschauerzahlen deutlich tiefer. Die bereits jetzt grossen sportlichen und finanziellen Nachteile der Schweizer Klubs auf der internationalen Bühne würden noch grösser. Die Zuschauerstatistiken zeigen zudem klar, dass die Mehrheit der Fans die Spiele gegen die bekannten Gegner wie Basel, Young Boys, FC Zürich etc. sehen will. Ich persönlich gehöre ebenfalls zu der kleinen Minderheit, die gerne und häufig Spiele von kleinen Teams, Jugendteams oder Frauenteams schauen geht, aber das kann ich ja nach eigenem Gutdünken privat so oder so jederzeit machen. Alain Sutter war vor seiner Präsentation als Sportchef des FC St. Gallen nicht nur TV-Experte, sondern zuerst auch sportlicher Berater des FC Winterthur, und danach Sportchef des Frauenteams seines Stammvereines Grasshoppers. Diese Aufgabe musste er aufgeben, als er Sportchef des FC St. Gallen wurde.

    • Grüß dich Lukas, Dankeschön für deinen langen Kommentar. Die Anregung werde ich mitnehmen. Zum Stichpunkt Tribünenabruch Espenmoos, ich nehme da lieber die italienische Variante 🙂 zumindest der Mittelweg wäre schön. Wankdorf als historischen Ort, hätte man gerne weiter pflegen können. Interessant was für Probleme der Platzmangel verursacht. Schade, denn Rasen ist einfach schöner anzuschauen. Tausend Dank für deine Erläuterungen in Sachen Finanzen. Von Deutschland aus gesehen, stellt man sich immer vor, es ist dasselbe in grün, nur ein paar Nummern kleiner. Insofern auch hier wieder was gelernt. Und ebenfalls sehr interessant deine Sicht auf die kleinere Liga. Aber würden da zwei Clubs mehr so drastisch ins Kontor fallen? Immerhin gebe es auch zwei Heimspiele mehr, aber auch da wieder das ist die Sicht von außen. Wenn die Grashoppers so unbeliebt bei euch sind, wie wurde er dann empfangen?

      Grüße Nick

      • Hallo Nick, also erst mal bin ich nicht aus dem St.Gallen-Umfeld. Ich berichte schwerpunktmässig über einen anderen Schweizer Klub mit regelmässigen Analyse-Artikeln und Radio Live-Übertragungen. Ich wage mich letztere Frage trotzdem zu beantworten. Ich bin ziemlich sicher, Sutter hätte es in St.Gallen schwer gehabt, wenn die Umstände anders gewesen wären. In die Karten gespielt hat der aktuellen Führung (Hüppi, Sutter,…) die Kampagne der Zeitung “Blick” gegen die vorherigen zwei Klubführungen. Die neue Klubführung wurde vom “Blick” hingegen bis heute im Gegensatz dazu in sehr positivem Licht dargestellt. Der “Blick” hat (immer noch) relativ viel Einfluss auf die Meinungsbildung des Publikums gewisser Klubs, dazu gehört auch St. Gallen. Diese Zeitung ist eine Art Mischung von “Frankfurter Rundschau”, “Bild” und “Sportbild”. Die Hälfte der Zeitung ist Sport – da keine spezialisierte Sportzeitung mehr existiert, ist es die wichtigste aktuelle Sportpublikation der deutschsprachigen Schweiz. Speziell ist auch, dass der “Blick” auch die Berichterstattung in der regionalen Presse (in diesem Fall: “St. Galler Tagblatt”) im Sportbereich stark mitbeeinflusst. Dazu kommt die durchaus authentische Begeisterung von Präsident Hüppi (dessen Bruder früher schon mal Präsident des Klubs war) für die FCSG-Sache. Dass Sutter zudem Sportchef der GC Frauen war, wissen wohl die meisten Leute in St. Gallen nicht, und seine Zeit als Spieler ist auch schon lange vorbei – das ist zumindest bei den Jüngeren auch nicht wirklich bekannt.

        Zwei statt sechs Teams mehr wäre natürlich ein kleinerer Unterschied. Aber ich bin überzeugt, dass es auch eine relativ kleine Reduktion der Qualität und Zuschauerzahlen nicht verträgt. Ausserdem würde dadurch nicht nur die Attraktivität der Super League, sondern vor allem auch der Challenge League (Zweite Liga) vermindert. Ich gehe sehr gerne Challenge League-Spiele gucken. Mehr Spiele gäbe es bei zwölf Teams wohl kaum – man würde nicht vier Mal gegeneinander spielen, denn 44 Liga-Partien wären für den Kalender zu viele.

        Warum konnte das historische Wankdorf nicht weitergepflegt werden? Der Ursprung dieser Geschichte liegt natürlich in erster Linie in Hillsborough und im Heyselstadion und den daraus in ganz Europa folgenden neuen Sicherheitsstandards. Wie schon erwähnt, ist in der Schweiz alles teuer inklusive Stadionbau. In Deutschland wäre es grundsätzlich möglich, dass ein Klub auf der Basis der jährlich fliessenden sehr viel höheren TV-Einnahmen in Verbindung mit den tieferen Baukosten ein bestehendes Stadion selbst finanziert ausbauen kann/könnte. Die mickrigen jährlichen Einnahmen im Schweizer Profifussball hingegen reichen nirgendwohin und ganz sicher nicht für die Finanzierung eines Stadion(aus)baus. Finanzierungsvariante zwei wäre die Öffentliche Hand, aber dies ist ebenfalls schwierig bis unmöglich. Es hat in verschiedenen Schweizer Städten schon Volksabstimmungen zu von der Stadt/Gemeinde finanzierten Stadien gegeben und die wurden alle abgelehnt. Bei privatfinanzierten Projekten stimmen die Bürger hingegen in der Regel zu. Sie sind nicht gegen ein neues Stadion, aber sie wollen die öffentlichen Gelder für andere Dinge als den Profifussball einsetzen. Neubauten von neuen Schulhäusern beispielsweise werden eigentlich immer mit deutlicher Mehrheit angenommen. 😉 So kommt in der Schweiz in der Regel Finanzierungsvariante Drei zum Zug und die nennt sich Mantelnutzung. Man baut auf dem Grundstück eine kommerzielle Nutzung in Verbindung mit dem Stadion, zum Beispiel ein Einkaufszentrum (wie im Falle des Wankdorfs), Wohnungen, Büros, Schulräume oder gar ein Altersheim. Die kommerzielle Nutzung hat dabei die Aufgabe, den Bau des Stadions querzufinanzieren. Die Rendite sinkt so natürlich in den Keller, aber immerhin hofft man, keinen Verlust zu erzielen.

        • Wau, dankeschön für deine Ausführungen. Gerade beim Wankdorf Stadion frage ich mich halt schon, ist das nicht einer dieser Orte der eben mehr als nur Fußball zu bieten hat? Ein Stück Erinnerungskultur, die unbedingt hätte erhalten werden müssen? Nicht unbedingt als Spielort, sondern eben als eine Art Museum ect. Ich glaube auch da hätte man sicherlich Konzepte finden können, die dem Erhalt gedient hätten. Zumal vermutlich in 50 oder 100 Jahren nochmal ganz anders über solche Orte gesprochen werden wird. Aber ich denke da liegen wir mit unserer Meinung nicht so weit auseinander. Letztlich ist es wie es ist. Schade darum, aber nun ja. Dankeschön für dein vieles sehr feines Feedback. Jetzt würde mich natürlich interessieren, über welchen Klub du berichtest. Eine schnelle Google Suche hat kein Erfolg gehabt. 🙂

          Grüße

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